Heute bin ich hier

Der Rauch hat sich gelichtet und Neujahrswünsche sind zusammen mit ihren Raketen wieder zu Boden gefallen. Ruhige Musik hat die hektischen Schläge der letzten Nacht ins Bett gebracht. Sitzen noch ein paar Momente daneben, erzählen kleine Geschichten von großen Träumen. Du sitzt auf der Terrasse, leichter Regen im Gesicht, die Haare nass. Heute beginnt alles von Vorne. Geht einen anderen Weg. Halbvolle Flaschen auf der Fensterbank. Schwarze Rauchspuren an den Fingern. Diese friedliche Ruhe und nicht mehr. Vergessen sind wilde Umarmungen, hektisches Fliehen vor Funkenschleudern. In der ferne duften Mandeln. Ich sitze in der Ecke des Raumes. Lasse Blicke streifen und an hohen Decken empor steigen. Dort sitzen sie dann und blicken auf die Szenerie hinunter. Vergangenes wirkt farblos. Wenige Konturen, die noch Ausmaße der letzten Monate mutmaßen lassen.

Du bekommst von alledem nichts mit. Bist in deinen eigenen Gedanken, lässt dich von ihnen wärmen. Da kommt nichts an dich heran. Weder die verlorene Liebe, noch die wiedergewonnene Angst vor dem morgen. Da ist nichts als Zuversicht. Ein nicht enden wollender Horizont, Vogelschwärme durchziehen den blauen Raum. Stehst auf und gehst an das Fenster. Deine Gedanken überdecken das Grau hinter dem kleinen Garten. Deine Füße spüren buntes Konfetti. Hast du gestern das getan, was du wolltest? Oder dich vom drumherum leiten lassen? Fragen, deren Antworten nie geschrieben werden. Lässt sie heraus und ziehen. Kaffee auf dem Tisch. Schwarze kleine Pfützen. Bitter und irgendwie unpassend. Die Musik wird hektischer. Kannst es einen Moment ertragen, dann gehst du durch den Raum. Machst mit einer Handbewegung ganze Orchester stumm. Sie hören auf dich, während du nur einer Sache Gehör schenkst. Sie atmet ruhig und liegt noch im anderen Zimmer. Hat die Augen geschlossen. Du dein Herz weit offen, während du dich neben sie setzt. Traust dich nicht sie zu berühren, zu groß die Angst sie zu wecken. Aber das innere Verlangen ist stärker und so streichst du ihr kurz über die Wange. Die Belohnung folgt sofort wenn auch nur für eine Sekunde. Sie grinst und ein warmer Schauer läuft deine Arme entlang. Lässt dich ebenfalls grinsen, doch wird dieser Zustand den gesamten Tag anhalten. Und das ist richtig. Fühlt sich so an, als muss es so.

Du bleibst sitzen. Regungslos blickst du in ihr Gesicht. Draußen geht alles seinen bekannten Lauf, aber davon bekommst du nichts mit. Dein Fuß wippt mit der Melodie. Langsam aber gewollt. Weshalb aufstehen, wenn man die schönsten Momente im Liegen erlebt. Phantasievolle Träume, leidenschaftliche Bewegung und Momente der Sicherheit. Der Vertrautheit. Und deshalb bleibst du in diesem kleinen Zimmer. Streifst deine Schuhe ab und legst dich neben sie. Irgendwann ausblenden und euch beide frei lassen. Ohne Publikum. Ohne Fragen oder lästige Prophezeiungen. Nur du und sie, ein paar Töne und Waffeln.

Jedes neue Jahr gibt dir die Chance auf Vorsätze. Neue Sprünge, neue Wege, neue Ziele. Ich lasse das alles auf der Liste des letzten Jahres. Lasse die Liste auf dem Tisch und den Tisch im Gestern. Denn heute bin ich hier. Bei dir. Und da will ich gerade sein.

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