Ich sage nie wieder Hallo, um nie wieder Tschüss sagen zu müssen.

Jeder Satz nur ein weiterer Versuch dich zu erreichen. Zu weit entfernt. Wir. Voneinander.

Wache ich morgens auf, liegst du oft neben mir. Die Sonne und ein Grinsen im Gesicht. Und drehe ich mich um, dann bist du weg. Deshalb bleibe ich liegen. Schaue dich an. Warte.

Liege im Bett. Fragen drücken mich tief ins Kissen. Lasse die letzten Wochen an mir vorbei ziehen – macht alles keinen Sinn. Nehme mir vor wieder mehr zu schreiben. Vielleicht hilft das Dinge zu ordnen. Oder einfach die Stille zu übertönen.

Manchmal frage ich mich.

Manchmal frage ich mich, wie es dir geht. Halte einen Moment inne und höre in mich hinein. Diese eine Frage. Sie kommt immer wieder und meist unerwartet. Um mich herum geht der Trubel weiter. Rücksichtslos und fokussiert starren alle um mich herum auf ihre klugen Begleiter. Ich schaue aus dem Fenster, betrachte den Hafen und stell mir vor, was du gerade machst. Sehe dich mit knallbunter Hose auf deinem Balkon. Dir ist egal, was andere sagen. Hast die Musik laut aufgedreht und wippst auf deinen Zehenspitzen. Den Kopf voller Flausen und an den Lippen Nutella. Verändert hast du dich. Genau wie ich. Neue Menschen. Neue Erfahrungen. Alte Träume. Getränkt in unberührte Farben. 

Diese Farben stehen dir gut. Das Leben als grenzenloses Gemälde. Schicht für Schicht kratzen sie an eingetrockneten Überbleibsel. Jeder Tag hinterlässt andere Linien. Formen. Flecken. Menschen kommen, hinterlassen ein paar Spuren und verschwinden mit der Zeit. Niemand kennt das Motiv, doch jeder sagt seine Meinung. Verzweifelt suche ich nach den passenden Melodien. Durchforste Herzen zahlreicher Menschen nach einzelnen Noten. Fühl mich schlecht für das Chaos, das ich bei ihnen hinterlasse. 

Draußen setzt der Regen ein. Lässt Menschen unter dunklen Schirmen verschwinden. Nach und nach versteckt sich ein jeder. Ich würde gerne den Mut haben, dir gegenüber zu treten. Um Verzeihung zu bitten. Dich in den Arm zu nehmen. Doch stattdessen fahre ich eine Station weiter. Vielleicht lässt das Gefühl dann nach. Und wenn nicht, kann man es sich klein reden. Kann die Augen geschlossen halten, wenn die Erinnerung strahlend an mir vorbeigeht. Höre deine Stimme. Klar und deutlich. Du erzählst von Hüpfburgen. Dein Lachen. Ich will es bei mir tragen. 

Heute bin ich glücklich, dass alles so war. Dass alles so ist. Freue mich über Erinnerungen genau so sehr wie über Unbekanntes. Mein Blick hangelt sich an vorbeiziehenden Häusern entlang. Stelle mir vor, was in ihnen passiert. Sehe in Gedanken eine alte Frau mit faltigen Händen und roter Schürze am Fenster stehen. Sie denkt an ihren Mann. An seinen kindischen Blick. Und niemand fragt sie, wie es ihr geht. 

Ich denke an unseren letzten gemeinsamen Moment. Deine letzte Nachricht. Schon lange gelöscht. Verdrängt. Gefühle stumm gestellt. Lasse sie schlafen. In einem unbekannten Bett. In einer unbekannten Stadt. Wie mag es heute bei dir riechen? Welches Bild steht heute auf deinem Schreibtisch? Und fragst du dich manchmal, wie es mir geht?

Diese seltsame Leere

Schaue ich abends in den Spiegel, so erkenne ich immer wieder diese seltsame Leere. Sie zu beschreiben fällt mir schwer – schließlich ist da nichts in jenen Momenten. Sie stülpt sich ungefragt nach außen. Zeigt, was da nicht ist. Was fehlt. Verdrängt jede Mimik. Ein kalter ruhiger Blick bohrt sich gerade durch. Ich bleibe standhaft und erwidere ihn. Frage nach seinem Wunsch. Nach seinem Verlangen, das er mir mitteilen möchte. An manchen Tage mag ich diese Leere. Brauche diese Leere. Doch heute überfordert sie mich. Unerwartet bringt sie Abläufe aus ihrer Bahn. Bewegungen aus dem Takt.

Ich sehne mich nach einer Melodie, die diese Stille flutet und mich ein paar Schritte begleitet. Oder einer Stimme aus dem Off. Sie gibt mir Anweisungen in klarem Ton. Verrät den nächsten Schritt, die nächste Bewegung und den richtigen Augenblick, der dich mir näher bringt. „Weshalb schaust du immer so traurig?“ fragen mich lachende Gesichter zwischen Zigarettenrauch und Erdnüssen auf dem Boden. Sie verstehen nicht. Es ist keine Traurigkeit. Es ist kein Schmerz und keine Verzweiflung. Da ist einfach nichts in diesem Moment. Und das ist schön, denn das heißt Platz. Raum für Neues. Raum für kleine und große Wünsche. Denn auch die sind wichtig. Sie schubsen mich. Lassen Worte und Tränen fließen. Lassen mich meinen Weg zurücklegen. Abstand gewinnen. Entdecken.

Du sitzt neben mir. Hast dich in deinem Lieblingspullover verschanzt. Meine Hand liegt auf deinem Knie und ich erzähle dir von meinen Träumen. Du hast danach gefragt. Aber nicht nach den großen Träumen mit Familie, Haus und Hund. Sondern den kleinen Groben. Die Nachts zu Besuch kommen. Gegen die Tür schlagen und sich hineindrängen. Ich erzähle dir davon und du hörst zu. Mehr brauche ich nicht. Lange Sätze, in denen ich manchmal zu Atmen vergesse. Dann zuckt es in deinen Augen. Und ich höre auf zu erzählen, weil ich dir kein schlechtes Gewissen geben möchte.

Gehst du nach Hause, gehe ich nach Hause. Kopfhörer in den Ohren, die Musik aber schon aus. Mir ist kalt. Meine Tür einen Spalt geöffnet verrät den erneuten Besuch. Ich gehe ins Bad. Stehe vor dem großen Spiegel und blicke ziellos mir selbst entgegen. Da ist sie. Diese seltsame Leere. Ich akzeptiere sie. Sie und ihren Raum, den sie in mir schafft. Den sie sich ungefragt nimmt und eigensinnig verteilt. Für Ängste und Sorgen. Für Freude, Glück und Strahlen. Wünsche mir, dass auch du sie irgendwann akzeptierst. Diese seltsame Leere. Und die sich ändernden Gäste.

So wie es muss.

Schließe ich die Augen, wird alles grau. Kleine helle Flecken geben sich noch etwas Mühe – tanzen wild, bevor sie ebenfalls verschluckt werden. Für einen Augenblick scheint alles still zu stehen. Ich spüre nichts. Die Geräusche gedämpft, der Körper federleicht. Das unermüdliche Kribbeln verliert sich. Ein Atemzug und aus Grau wird Schwarz. Aus leise wird stumm.

Ein kleiner weißer Punkt. Unscheinbar und kaum zu erkennen. Wandert langsam durch das Halbdunkel. Hinterlässt ein kaum greifbares Glühen, doch reicht dies meine Neugierde zu wecken. Ich folge seiner Spur und bemerke nicht, wie es einen Horizont in das satte Schwarz kratzt. Linie für Linie teilt dieser die Szene in zwei Hälften. In der Ferne ein Ton. Leise scheint er auf mich zuzukommen. Bemerke leichte Abstufungen. Minimal, dennoch schön. Bin so fasziniert, dass ich das Pulsieren der Bildmitte nicht wahrnehme. Erst sanft, dann energischer. Es scheint, als würde drumherum alles vibrieren. Der Ton ist inzwischen zu einer warmen Melodie geworden. Sie lässt so etwas wie Hoffnung aufkeimen – trotz völliger Ungewissheit, die im Zentrum lauert.

Mit der Zeit schleichen sich die Gedanken zurück. Kleine Momentaufnahmen, die zaghaft die Bühne betreten. Grelle Farben inmitten eines graubunten Nebels. Ich versuche den Bildern einzelne Gefühle zuzuordnen, doch die Melodie ist inzwischen zu laut. Sie hält mich davon ab. Und irgendwie bin ich froh. Lasse jede Erinnerung ihren Platz im Ganzen finden. Eine Art Tanz, der sich zügellos anfühlt. Plötzlich sind einzelne Grenzen nicht mehr auszumachen. Ich suche den Mittelpunkt des Schauspieles, doch kann ihn nicht greifen. Kontrollverlust, den ich immer fürchte. Nun unausweichlich.

Wie im Frühling geschieht dieses Schauspiel ohne erkennbares Muster. Alles scheint chaotisch nach einem Neubeginn zu lechzen. Die Spuren des Winters werden verschluckt und Farben überziehen das Schwarz. Ich stehe an der selben Stelle, hab meine Augen fest geschlossen. Das Kribbeln kehrt zurück. Vor mir ein leuchtendes Bild – entstanden aus den unterschiedlichsten Erinnerungen. Mit genug Abstand wirkt all das gewollt. Jede Linie. Jeder Verlauf. Jeder Fleck. So wie es muss.

Gratwanderung

Wir wollen tanzen. Wollen laut sein. Uns in die Arme fallen und schreien vor Glück. Die anderen sollen uns in Frieden lassen. Ihre Vorwürfe nehmen wir als weißes Rauschen wahr. Sie sollen schweigen. Skeptische Fragen wollen wir nicht. Nicht zweifeln. Nicht grübeln. Und wenn, dann möchten wir den Moment selbst wählen. Wollen das ganze Wochenende im Bett liegen. Ein Teller Spaghetti und danach Schokolade. Traurige Musik unter zu großer Decke. Die anderen sollen warten. Bis wir wieder aufstehen wollen. Sollen sich Sorgen machen. Anrufen. Anklingeln. Anstubsen. Sie sollen sich für uns interessieren. Fragen stellen. Ich will merken, dass da jemand ist. Der so denkt wie ich. Der so fühlt wie mein Bauch. So denkt wie mein Verstand. Und schöne Schuhe trägt. Sie sollen keiner Mode folgen, doch aus der Reihe fallen sieht peinlich aus. Sie sollen nicht lachen, doch will ich mir meins nicht verbieten lassen. Will dass du mich magst. Will dass du mich fragst, ob es gut so ist. Wie was ist? Willst du wissen. Und ich will es dir sagen. Doch du dann erinnere ich mich an deinen Appell, dich nicht ständig in Frage zu stellen. Uns in Frage zu stellen. Also schweigen wir. Und stecken die Hände in unsere eigen Taschen. Wir wollen doch alle nur gemocht werden. Wollen in den Arm genommen werden, wenn das unbekannte Schwarz blendet. Licht aus. Keiner soll uns sehen, wenn wir weinen. Schwäche will man nicht eingestehen müssen. Schließlich würde das bedeuten, dass wir nicht wissen was wir tun sollen. Und das wollen wir nicht. Wir wollen den Weg kennen. Das Ergebnis soll alles wieder gut machen. Für jeden Schmerz und jede Unsicherheit aufkommen. Wir wollen uns verlieren. Ineinander. Doch sollen uns dabei selbst nicht aufgeben.

Alles eine Gratwanderung. Zwischen Sollen und Wollen.

Roter Luftballon

Nächster Halt: Hamburg Hauptbahnhof. Die Türen öffnen sich und meine Füße ertasten den Bahnsteig. 4 Stunden Fahrt. Meine Augen sind müde und die Gedanken ruhen wie Steine. Ankommen und weitergehen. Dränge mich durch Menschenmassen. Rieche. Beobachte. Öffne meine Lippen – doch sage nichts. Ich genieße es, in der Masse unterzugehen. Meinen Körper unsichtbar werden zu lassen. Streife mit der Hand das Geländer und steige hinab. 

Kopfhörer bleiben in den Taschen. Der Blick gerade aus. Wegsuche. Jeder verfolgt ein Ziel. Möchte daran wachsen. Möchte die anderen überragen. Möchte sich selbst übertrumpfen. Ich würde gerne kleiner sein. Auf dem Boden krabbeln und meine Umwelt neu entdecken. Mit kleinen Händen nach Kuscheltieren greifen. Summen. Weinen. Mich in den Armen meiner Oma einkuscheln. Zu oft sind es immer wieder die selben Ansichten. Die selben Meinungen, welche Momente in Schubladen fallen lassen. In meinen Träumen reiße ich mir diese Hüllen vom Leib. Verwische alle Spuren und greife nach dem roten Luftballon. Möchte fliegen. Möchte landen. 

Mein Gesicht an der Scheibe der U-Bahn. Neben mir eine alte Frau. Zeitung in der Hand. Augen geschlossen. Ein Blick meinerseits erhascht einen ihrer Träume. Darin steht sie auf einer Wiese. In hellblauem Kleid und Hochsteckfrisur. Sie strahlt von Herzen. Um ihre Hand ein roter Luftballon, der sie begleitet. Von oben auf sie herab schaut, während sie barfuß das Korn zertritt. 

Eine Durchsage lässt den Boden unter ihr einstürzen. Der Luftballon hält sie oben. Sie bleibt ruhig, während ich zusammenschrecke. Öffne meine Augen und schaue in das strahlende Gesicht der alten Frau. Sie schaut aus dem Fenster – ihr Strahlen folgt unauffällig. Wie wäre es wohl, wenn wir uns in Träumen treffen könnten? Wenn wir uns Dinge erzählen könnten? Ohne den Mund zu öffnen. Ohne die Blicke voneinander abzuwenden. Alleine durch den Ganz in unseren Augen. Und einem roten Luftballon am Handgelenk…

Heimfahrt.

Und dann sitz ich hier. Die Krawatte gelockert und der Koffer unter meinem Sitz verstaut. Müde und erschöpft versuche ich die Stimmen um mich herum zu überhören. Blende aus, was sie ihren Freunden erzählen. Lass Träume meine Heimfahrt erhellen. Mir Gegenüber hat sich ein kleines Kind vorgenommen, die Welt zu ergreifen. Ich hab es noch nicht einmal geschafft, auch nur einen kleinen Teil zu begreifen. Seine Augen strahlen, während sich meine müde aber zufrieden schließen. Leises Piepsen im Hintergrund. Der Boden rollt mir davon.